Als Handball noch unter freiem Himmel gespielt wurde
Wer die alten Schwarz-Weiß-Fotografien betrachtet, erkennt sofort: Dieser Handball hatte mit dem heutigen Spiel in der Halle nur wenig gemeinsam.
Die Spieler stehen auf Rasen, Asche oder festgetretenem Boden. Hinter ihnen ragen Bäume, Böschungen und einfache Zäune auf. Die Tore wirken groß und weit, die Spielfläche offen. Statt Hallenboden und Tribüne bestimmen Wind, Wetter und der Zustand des Platzes das Geschehen. Auf einigen Bildern posiert die Mannschaft mit Pokal und Urkunde, auf anderen ist sie mitten im Spiel zu sehen: ein Pass in den freien Raum, ein Angreifer im Zweikampf, Verteidiger, die sich auf einem weitläufigen Feld neu formieren.
So sah Handball in Königsdorf über viele Jahrzehnte aus.
Handball auf dem Großfeld
Der frühe Handball wurde nicht mit sieben, sondern mit elf Spielern ausgetragen und orientierte sich in seiner Anlage stark am Fußball. Gespielt wurde auf einem großen Feld unter freiem Himmel, mit großen Toren, langen Laufwegen und deutlich mehr Raum als im heutigen Hallenhandball.
Das Spiel war dadurch weniger dicht und weniger schnell in seinen unmittelbaren Aktionen, verlangte den Spielern aber enorme Laufarbeit, Ausdauer und taktische Disziplin ab. Angriffe mussten über große Distanzen aufgebaut werden, und zwischen Abwehr und Angriff lagen Wege, die heute eher an Fußball als an modernen Hallenhandball erinnern.
Für viele Vereine war diese Form des Spiels zunächst selbstverständlich. Sporthallen waren selten, und auch in Königsdorf gab es lange keine Halle, die für einen geregelten Handballbetrieb geeignet gewesen wäre. Trainiert und gespielt wurde deshalb auf dem Sportplatz – auch bei schlechtem Wetter und bis weit in die kalte Jahreszeit hinein.
Die Fotografien aus dem Vereinsarchiv geben dieser Epoche ein Gesicht. Sie zeigen Mannschaften, die mit einfachen Mitteln und unter Bedingungen spielten, die heute kaum noch vorstellbar sind. Trikots, Schuhe und Plätze waren funktional, aber weit entfernt von heutigen Standards. Was zählte, war, dass überhaupt gespielt werden konnte.
Die großen Jahre des Königsdorfer Feldhandballs
Für den TuS Königsdorf waren besonders die 1960er Jahre eine erfolgreiche Zeit. Die Mannschaft spielte in hohen Klassen des Handballverbandes Mittelrhein und machte sich weit über die Grenzen des Ortes hinaus einen Namen.
Zur Mannschaft gehörte auch Werner Madsack, der die Abteilung später über Jahrzehnte als Spieler, Trainer, Funktionär und Chronist prägen sollte. Die Bilder seiner Mannschaft zeigen nicht nur sportliche Erinnerungen, sondern eine ganze Generation von Handballern, für die das Großfeld die eigentliche Heimat ihres Sports war.
In der Saison 1965/66 erreichte Königsdorf auf dem Großfeld den zweiten Platz in der Kreisliga und setzte sich anschließend in der Aufstiegsrunde gegen den VfR Übach-Palenberg und die zweite Mannschaft von Bayer 04 Leverkusen durch. Damit gelang erneut der Aufstieg in die Landesliga.
Schon ein Jahr später belegte der TuS dort den fünften Tabellenplatz. Als der Handballverband Mittelrhein zur Saison 1967/68 eine neue Verbandsliga einführte, gehörten die Königsdorfer zu den Mannschaften, die sich für diese damals höchste Spielklasse der Vereinsgeschichte qualifizierten.
1968 erreichte die Mannschaft dort den dritten Tabellenplatz, 1969 wurde sie Fünfter. Zu den Heimspielen kamen häufig mehr als 200 Zuschauer. Königsdorf galt in diesen Jahren als echtes „Handballdorf“.
Diese Bezeichnung war keine Übertreibung. Feldhandball war ein gesellschaftliches Ereignis. Die Spiele fanden sichtbar mitten im Ort statt, Zuschauer standen am Spielfeldrand, und der Handball war fester Bestandteil des Dorflebens. Ein Heimspiel war nicht nur ein sportlicher Termin, sondern ein Treffpunkt für Spieler, Familien, Freunde und Nachbarn.
Zwischen Feld und Halle
Doch während der Königsdorfer Feldhandball sportlich seine größten Erfolge feierte, begann sich der Sport grundlegend zu verändern.
Ab der Spielzeit 1965/66 wurden im Verbandsgebiet getrennte Meisterschaftsrunden auf dem Feld und in der Halle ausgetragen. In Königsdorf blieb das Großfeld zunächst die bevorzugte Variante, weil es vor Ort keine handballgerechte Halle gab. Die vorhandene Infrastruktur bestimmte somit auch die sportliche Ausrichtung.
Mit der Zeit gewann der Hallenhandball jedoch immer stärker an Bedeutung. Besonders die jüngeren Spieler bevorzugten das schnellere, technischere und zuschauerfreundlichere Spiel in der Halle. Viele ältere Spieler hingegen blieben dem Feldhandball verbunden.
Damit trafen innerhalb der Abteilung zwei Handballwelten aufeinander: die erfahrenen Großfeldspieler, die mit langen Laufwegen, Raumaufteilung und körperlicher Robustheit groß geworden waren, und eine jüngere Generation, die den engeren Raum, das höhere Tempo und die häufigeren Toraktionen des Hallenhandballs bevorzugte.
Auch international war diese Entwicklung nicht mehr aufzuhalten. Feldhandball war 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin ausgetragen worden und hatte in Deutschland zeitweise zehntausende Zuschauer in große Stadien gelockt. Deutschland gehörte international zu den führenden Nationen. Doch seit den 1950er Jahren setzte sich der Hallenhandball zunehmend durch.
Die letzte Feldhandball-Weltmeisterschaft fand 1966 statt. 1972 wurde Hallenhandball bei den Olympischen Spielen in München erstmals olympisch ausgetragen. Damit war endgültig klar, welche Variante die Zukunft bestimmen würde.
Die letzte Feldhandballsaison
In Königsdorf hielt sich der Feldhandball noch vergleichsweise lange.
1972 konnte die Landesliga knapp gehalten werden, 1973 folgte der Abstieg in die Kreisliga. Die Chronik nennt als einen Grund die Überalterung der Großfeldmannschaft. Die jüngeren Spieler hatten sich längst stärker dem Hallenhandball zugewandt.
1975 wurde schließlich die letzte Meisterschaftsrunde im Feldhandball gespielt.
Damit endete eine Epoche, die den Königsdorfer Handball über Jahrzehnte geprägt hatte. Von nun an konzentrierte sich die Abteilung ganz auf das Spiel in der Halle. Verbesserte Trainingsmöglichkeiten in Weiden und Habbelrath sowie Heimspiele in der Rundsporthalle Herbertskaul schufen dafür bessere Voraussetzungen.
Der Übergang war mehr als ein Wechsel des Spielortes. Taktik, Technik und Trainingsmethoden mussten sich verändern. Spieler, die auf dem Großfeld ausgebildet worden waren, mussten sich an den engen Raum und das höhere Tempo gewöhnen. Unter Trainer Klaus Riebling gelang es schließlich, aus den jüngeren Großfeldhandballern leistungsfähige Hallenspieler zu formen.
Schon in der Saison 1977/78 stieg die erste Herrenmannschaft mit 34:2 Punkten und einem Torverhältnis von 432:225 in die Kreisliga auf. Der Handball in Königsdorf hatte eine neue Form gefunden.
Was die Bilder bewahren
Die alten Fotografien sind deshalb weit mehr als Mannschaftsbilder.
Sie erinnern an eine Zeit, in der Handball draußen stattfand, in der Regen, Kälte, Staub und unebene Plätze zum Spiel gehörten. Sie zeigen Spieler, die auf einem großen Feld um Tore, Punkte und Pokale kämpften und dabei die Grundlagen für alles legten, was später in den Hallen von Königsdorf entstehen sollte.
Werner Madsack und seine Mannschaftskameraden gehörten zu jener Generation, die beide Welten erlebte: den Feldhandball als sportliche Heimat und den Hallenhandball als Zukunft des Spiels.
1975 endete in Königsdorf die Zeit des Feldhandballs. Doch verschwunden ist sie nicht.
Sie lebt weiter in den Fotografien, in den Erinnerungen der damaligen Spieler und in der Geschichte einer Abteilung, die lange bevor sie zur heutigen Hallenhandballfamilie wurde, unter freiem Himmel zu einem „Handballdorf“ heranwuchs.
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